Fusion mit Fragezeichen
Ver.di Gewerkschaft der Ängstlichen und Verzagten
So also sieht es aus, wenn Gewerkschafter im siebten Himmel schweben. Nach dreijährigen Geburtswehen, nach Drohungen und Versöhnungen, Hoffnungszeichen und Verzweiflungsgesten ist Verdi, der neue Stern am Gewerkschaftshimmel, endlich Wirklichkeit. Taktisch und organisatorisch ist das Zusammenraufen der fünf grundverschiedenen Solisten eine Meisterleistung ihrer bisherigen Vorsitzenden. Deren Mut, Nervenstärke und Ausdauer nötigen Respekt ab. Die Mitglieder von ÖTV, DAG, HBV, DPG und IG Medien ergötzen sich derweil an einer Fusion der Superlative: weltweit größte Einzelgewerkschaft mit drei Millionen Mitgliedern; prall gefüllte Streikkassen, in denen 1,6 Milliarden Mark schlummern; knapp 1000 Berufe, die künftig betreut werden. Groß, größer, Verdi!
Verdi soll leisten, was jeder aus dem Quintett für sich allein nicht zu Stande gebracht hat. Die Erwartungen an das gewerkschaftliche Allheilmittel sind groß so groß, dass Frust und Enttäuschung programmiert sind. Der Gigant verspricht seinen Mitgliedern das Blaue vom Himmel: mehr politisches Gewicht, keine leidige Konkurrenz mehr, eine ungeahnte tarifpolitische Schlagkraft, ein Ende der Ebbe in den Kassen. Vor allem aber soll der existenzbedrohende Mitgliederschwund gestoppt werden. Allein in den vergangenen vier Jahren haben die Verdi-Gewerkschaften fast 450.000 Mitglieder verloren ein Aderlass, der nicht nur auf dem Wegbrechen von Arbeitsplätzen beruht. Die Organisationen haben es auch versäumt, mit attraktiven Angeboten und überzeugenden Konzepten in den boomenden Dienstleistungsbranchen Fuß zu fassen.
Was über Jahre verschlafen wurde, soll jetzt mit aller Gewalt und durch schiere Größe nachgeholt werden. Dabei steht sich Verdi teilweise selbst im Weg. Denn die Stärken der Organisation, Größe und Pluralität, sind zugleich ihre größten Schwächen. Es ist eine Illusion zu glauben, mit zahlenmäßiger Stärke bereits verlorene Verteilungskämpfe und Scharen neuer Mitglieder anzulocken. Gerade die starre Tarif- und Beschäftigungspolitik der Gewerkschaften hat wesentlich zu deren mangelnder Attraktivität beigetragen. Flexiblere Arbeitszeiten, geringere Löhne für wenig Qualifizierte und Tarifverträge, die auf die Besonderheiten einzelner Betriebe Rücksicht nehmen, sind verpönt. Viele Beschäftigte vor allem in der heiß umworbenen New Economy sehen deshalb in den Gewerkschaften weiterhin Reformverhinderer und Modernisierungsbremser.
Dass sich mit neuem Namen und neuen Strukturen plötzlich auch in den Funktionärsköpfen Grundlegendes ändern sollte, ist nicht einsichtig. Verdi ist ein Zusammenschluss der Ängstlichen und Verzagten. Aus der Not geboren und im Streit festgezurrt, wird die Fusion als Vision, als die ultimative Lösung hochgejubelt. Schon bald aber könnte sich der Gigant als Papiertiger entpuppen, der mehr mit sich selbst beschäftigt ist als mit dem Wandel in der Arbeitswelt. Vor allem der ungelöste Konflikt zwischen Traditionalisten und Modernisierern könnte zur Selbstblockade führen und so notwendige Reformen verhindern. Es wird lange dauern, bis sich die einzelnen Organisationen und Fraktionen zu einem homogenen ganzen zusammengefunden und eine gemeinsame Kultur und Identität entwickelt haben.
Lähmend dürfte sich schließlich der aufgeblähte Funktionsapparat auswirken. Damit unwillige Hauptamtliche das Projekt nicht kippen, haben die Verdi-Gründungsväter allerlei Wohltaten verteilt. So wurde den 5.000 Beschäftigten ein siebenjähriger Kündigungsschutz zugesichert. Die Zahl der Spitzenfunktionäre wurde kräftig aufgestockt, damit jede Organisation auf ihre Posten kommt. Größe allein ist indes kein Erfolgsgarant. Sollten die Fusionäre so weitermachen wie in den letzten drei Jahren, wird sich der Mitgliederschwund fortsetzen nur auf höherem Niveau. Die Herausforderungen, vor denen der Fünfer-Club um die grüne Lichtgestalt Frank Bsirske steht, sind gewaltig. Die Verschmelzung war nur die Ouvertüre und die haben die Verdianer nur mit Ach und Krach hingekriegt.
Stadtzeitung Bad Nauheim Nr. 493 vom 24.03.2001
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