Deutschlands Kommunen sind verschuldet, überschuldet, unterkapitalisiert, zahlungsunfähig. Der Mittelstand muss das ausbaden
In
der guten alten Zeit – bei Kaiser Wilhelm II. – gab es keine größere
Auszeichnung für Kaufleute als den Titel "Kaiserlicher
Hoflieferant" zu führen. Wer sich diesen Titel ergattern konnte, hatte
es geschafft: Ein höheres Image, eine bessere Werbung, ein
bedeutenderes Qualitätssiegel war nicht möglich. Ähnliches galt aber
auch auf
Landesebene und bei den Gemeinden: Wer für die Stadt bauen,
konstruieren oder liefern durfte, der war jemand und stand auf der
sozialen Leiter ganz oben.
Wenn
heute dagegen ein Handwerker erzählt, dass er einen Auftrag von einer
Gemeinde übernommen hat, so sieht sich dieser meistens zwei Fragen
gegenüber: Mussten Sie den Auftrag übernehmen, weil Sie schon pleite
sind, oder werden Sie nach Abschluss des Auftrages pleite sein?
Deutschlands Gemeinden sind die schlechtesten Zahler weit und breit.
Das einzige, was im Finanziellen bei den Gemeinden noch klappt, ist
die pünktliche Überweisung der Bürgermeistergehälter. Aber der
Bauingenieur, der für eine Stadt Pläne gezeichnet oder die Bauleitung
ausgeführt hat, der wartet auf sein Honorar und wartet und wartet:
Sechs Monate, neun Monate, zwölf Monate und noch länger. Deutschlands
Städte haben die Lizenz zum Bestellen von Waren und Leistungen ohne
Geld: Denn kraft Gesetz ist ein Insolvenzantrag gegen eine Gemeinde
ausgeschlossen. Deutschlands Kommunen sind nicht insolvenzfähig, wohl
aber ihre Dienstleister und Handwerker. Immer häufiger müssen Vertreter
des deutschen Mittelstandes selbst Insolvenzantrag stellen, weil
Zahlungen aus ausgeführten Leistungen über Gebühr verzögert werden.
Irgendwann, das
weiß jeder Mittelständler, wird dann auch die Bank nervös: Und wenn es
dann keine Überbrückungskredite mehr gibt, dann wäre es besser gewesen,
einen Auftrag der öffentlichen Hand gar nicht erst anzunehmen.
Haben
die Kommunalpolitiker deshalb Schamgefühl entwickelt? Wohl kaum. Denn
die Theorien und Ideen, die zur Überwindung der Finanzmisere der
Kommunen diskutiert werden, lassen daran zweifeln, wo Deutschlands
Gemeindefinanzexperten stehen; auf dem Boden der Realität oder hinter
dem Mond. Die meisten in der Öffentlichkeit diskutierten Ansätze können
in der gegenwärtigen rezessiven Wirtschaftslage nur als abenteuerlich
beschrieben werden:
So
soll die Gewerbesteuer künftig nicht mehr am Gewinn, d.h. am Ertrag der
Unternehmen bemessen werden, sondern an den Bruttolohnsummen oder den
Mietausgaben der Betriebe. Die Idee, die dahinter steckt: Man könnte
auch von Unternehmen, die Verluste machen, also keine
Körperschaftsteuer zu bezahlen haben, Gewerbesteuer kassieren. Oder
aber der Vorschlag, die Freiberufler, die nach ihren Berufsordnungen
keine Gewerbetreibende sind und sich auch nicht wie Gewerbetreibende
bei der Ausübung ihres Berufes verhalten dürfen, ebenfalls der
Gewerbesteuer zu unterwerfen, obwohl diese Freiberufler noch als
Arbeitgeber ein zweites Desaster auf dem Arbeitsmarkt verhindern.
Andere wollen den kommunalen Finanzausgleich verändern, das Grundgesetz
auf der Ebene des Bund-Länderfinanzausgleiches ändern und einen höheren
Anteil der Gemeinden an der Einkommenssteuer und Körperschaftssteuer
verwirklicht sehen. Entweder alternativ oder kumulativ sollen die
Gemeinden auch von staatlichen Aufgaben entlastet werden, die sie im
Auftrag des Bundes oder der Länder ausführen und die mit erheblichen
Kosten verbunden sind. Doch alle diese Lösungsvorschläge gehen von zwei
Grundannahmen aus, die schon nach heutigem Kenntnisstand völlig falsch
sind: Erstens dass die Steuereinnahmen in mittelfristiger Zukunft gleich
bleiben oder nur unwesentlich nachgeben werden und zweitens dass die Betriebe,
Unternehmen und Arbeitnehmer mit der einen oder der anderen Steuer noch
weiter belastet werden könnten. Hier endet aber Politikers Traum und
beginnt die Realität.
Die Steuereinnahmen sinken: Das Umverteilungskarussell von Ausgleichssystemen funktioniert schon lange nicht mehr.
Bei
4,4 Millionen Arbeitslosen – dem höchsten Stand im Sommer 2003 seit
Menschengedenken – und bei weiteren ca. 70.000 Insolvenzen für 2003
muss man nicht Professor für Nationalökonomie sein, um zu begreifen,
dass jede beschlossene Steuererhöhung zu einem schnelleren Wegbrechen
der Steuereinnahmen führen wird: Die Gewerbekapitalsteuer wurde zu
Recht abgeschafft: Sie kann und darf – wenn unser Handwerk und der
Mittelstand überleben sollen – nicht durch die Hintertüre wieder
eingeführt werden. Die Situation ist wie bei der Französischen
Revolution: Der deutsche Mittelstand muss sich zum ersten und zum
einzigen Stand erklären und er muss unmissverständlich klarmachen, dass
er eine Kaste von Politikern, zu einem Heer von Kostgängern der
Allgemeinheit herangezüchtet, nicht mehr miternähren kann: Parlamente
und Behörden auf allen Ebenen, bis hin zur Europäischen Gemeinschaft,
Gerichte und Schiedsstellen von Wiesbaden, Berlin, Luxemburg,
Straßburg, Brüssel, das alles kann weder der Bäcker mehr verdienen, der
die Brezeln backt und nicht der Kfz-Mechaniker. Die
Gemeindefinanzreform beginnt bei der einfachen Frage:
Wie
schaffen wir es, dass Deutschlands Unternehmen wieder Geld verdienen,
um die Arbeitslosen von der Straße holen zu können? Guido Westerwelle
(FDP) hatte es in dem letzten Bundestagswahlkampf treffend formuliert:
Deutschland
kann sich den Luxus, auf massive Steuerentlastungen verzichten zu
wollen, nicht mehr leisten. Die Betriebe brauchen eine Verschnaufpause
– und deshalb muss dort in aller erster Linie gespart werden, wo die
wenigste produktive Arbeit für Deutschland geleistet wird: In der
Politik selbst. Dann kann der Bund den Gemeinden zunächst einmal wieder
diejenigen Zuschüsse – über die Ausgleichssysteme – zur Verfügung
stellen, die für die Ausführung öffentlicher Aufgaben im Bundes- oder
Landesauftrag benötigt werden. Es muss einmal klar ausgedrückt werden:
Die Unmengen an Subventionen für absterbende Industrien müssen weg. Bei
einer Absenkung des Spitzensteuersatzes nach amerikanischem Vorbild
wäre dann denkbar, eine spezielle Kommunalsteuer einzuführen, um den
Stadtkämmerern in Deutschland endlich wieder ein ruhiges Planen in
mittelfristigen Zeiträumen zu ermöglichen. Aber dazu muss die
Steuerreform auf Bundesebene erst einmal weiter durchgezogen werden.
US-Präsident Bush exerziert es dem alten Europa vor: 380 Milliarden US
$ Steuererleichterungen in 10 Jahren für Unternehmen und Arbeitnehmer;
so wird die Wirtschaft angekurbelt. Im Gegenzug werden die
Staatsausgaben klein gehalten.
Einst
hatten die Bundes- und Finanzminister in Deutschland eine große Herde
Melkkühe. Doch jetzt ist die Herde krank. Deutschland benötigt einen
großen Wurf hin zu einer staatlichen Insolvenzprophylaxe auf allen
Ebenen des wirtschaftlichen Lebens. Deutschland muss endlich wieder von
seinen Besten regiert werden, nicht von einem Typus von Politiker, die
ab dem 16. Lebensjahr nur auf Staatskosten gelebt haben, vom Bafög
zum Staatsfixgehalt, zur satten Übergangsgeldregelung, zur dick
gepolsterten Rente. Diese Mehrheit in den Parlamenten von Kostgängern,
die selbst nie in echter Verantwortung standen, sondern in einer
systemimmanenten Verantwortungslosigkeit, ist der eigentliche Grund für
das Kollabieren der öffentlichen Haushalte. Auch hier könnten wir von
den USA einiges lernen. Für hohe politische Ämter qualifiziert man sich
dort durch den Nachweis jahrelanger Verantwortung in der Industrie. Wer
für das Wohl und Wehe von Arbeitnehmern und die Dividende der
Kapitalgeber gleichermaßen verantwortlich war (und Verantwortung
bedeutet, bei Versagen gefeuert zu werden) der wird für unseren Staat,
für unsere Finanzen und für unser Gemeinwesen aus einem
Erfahrungswissen in der Regel und bessere Entscheidungen treffen.
Das
Prinzip der organisierten Verantwortungslosigkeit muss durchbrochen
werden. Deutschlands verwöhnte Politikerkaste muss abdanken – und zwar
schnell
Wir
müssen uns einmal vergegenwärtigen, welche Adhäsionskraft deutsche
Politiker entwickeln, wenn diese – nach Verbreitung von Chaos und
Unsinn – vor die Kamera treten und begründen wollen, warum ein
Rücktritt nicht in Betracht kommt. Deutschlands Bürger haben es dazu
kommen lassen, dass Politiker sagen können: Ich bleibe, weil ich mich
der Verantwortung stelle.
Was bedeutet eigentlich Verantwortung?
Verantwortung in Deutschland hat der Busfahrer und der Schrankenwärter
am Bahnübergang. Deren Fehlverhalten sind dokumentierbar: Der
Fahrtenschreiber, die technischen Aufzeichnungen. Dann steht fest: Der
war verantwortlich. Bei Versagen kommt die Staatsanwaltschaft:
Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, Entzug der
Erlaubnisse, der Sicherheitsbescheide. Die Rente haftet für die
Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche. Aber auf der politischen
Ebene und in den Konzernspitzen: Keine Verantwortung, überhaupt keine.
Konsul Grupp von der Vorzeigefirma Trigema Textilien hat es in der
Fernsehdiskussion auf den Punkt gebracht: Verantwortung heißt privat
haften, mit seinem Vermögen, mit seiner beruflichen Karriere, mit
allem, was einem lieb und teuer ist. Nur wenn wir dieses Prinzip wieder
einführen, wird sich mittel- und langfristig etwas an den Schieflagen
der Staatshaushalte und der Qualität der Unternehmensführung in
Deutschland ändern. Die Zeit des wechselseitigen hektischen
Löcherstopfens in den Haushalten funktioniert nicht mehr. Eine im
deutschen Wirtschaftswunder groß gewordene verwöhnte Politikerkaste
muss abdanken, und zwar schnell.
Erschienen in der Sz BN am 13.06.2003 |