Weiblich, jung, sympathisch und tolerant!
Wie sieht der ideale Politiker aus?
Bei jungen Leuten umgehört!
Gesucht: Toleranter Ostseeurlauber mit Grundkenntnissen im Regieren. Oder wie etwa stellen sich junge Leute den idealen Politiker von heute vor?
Ihr Blick schweift suchend in die Ferne, tastet die schier unendliche Vielfalt der Möglichkeiten ab. Ihre Augen sehen aus, als suchten sie in einem Supermarktregal nach den Zutaten für einen leckeren Sonntagskuchen. Die Lippen stehen ein wenig offen, sie lächelt. „Er ist jung und sieht gut aus, sympathisch eben“, sagt sie zunächst stockend. Die Aufgabe, sich einen idealen Politiker in der Fantasie selbst zu basteln, kommt Sandra ungewöhnlich vor. Doch nach einigen Augenblicken scheint ihr das Gedankenspiel richtig Spaß zu machen.
„Er baut keine Paläste für sich, sondern Schulen“, fügt das 14-Jährige Mädchen hinzu. Die Zutaten hat sie beisammen, mit funkelnden Augen packt sie aus: „Er hat ein offenes Ohr für alle, hat Ahnung vom Regieren und setzt sich dafür ein, dass junge Leute für zwei Euro ins Theater gehen können.“ Ihre Freundin Nora schnappt sich das Stichwort: „Zwei Euro für einen Stehplatz, das müsste doch gehen.“ Wenn es sich die beiden Schülerinnen recht überlegen, dann würden sie sich eigentlich für eine Frau entscheiden. Der ideale Politiker wäre eher eine ideale Politikerin. „Das wäre gut, zur Verdeutlichung der Emanzipation“, meint Nora kichernd.
Könnte sie sich einen Politiker backen, würde Gabriele für eine dicke, glänzende Schicht Schokoladenguss und ein ansprechendes Äußeres sorgen. „Schließlich soll er sich in der Öffentlichkeit gut präsentieren können“, fordert die 18-Jährige. Ein adretter Zweireiher, mit Krawatte am Politikerkörper ruft in Mario dagegen eher Misstrauen hervor. „So einen arroganten Pinkel, der nur für die Besserverdienenden da ist, würde ich mit nicht wünschen.“ Statt zum Herrenausstatter würde der 19-Jährige seinen idealen Politiker lieber in den Secondhandladen schicken. „So eine Linder mit einem Pullover mit Hanfblatt drauf, das wäre cool.“
In de Ferien übt sich sein idealer Politiker in Mäßigung. „Mit dem Wohnwagen an die Ostsee“ würde Mario den gesamten Plenarsaal schicken. Dabei denkt der junge Mann daran, dass Bescheidenheit eine Zier ist, die auch Politikern gut zu Gesicht stünde. Und der Eintönigkeit im Politikeralltag würde damit auch entgegenwirkt: „Luxushotels gibt es ja auf Dienstreisen.“ Eine Woche am Campingtisch dinieren und die Gemeinschaftsdusche mit Familie Schneider und dem Müller-Rudi aus Bottrop benutzen das könnte selbst das ereignisreiche Leben vom Bundeskanzler bereichern. Wichtiger als Geburtsjahr, Attraktivität, Kleidungsstil und Urlaubsziel ist aber die Politik, für die ein perfekter Volksvertreter steht. Darin sind sich die Jugendlichen einig. Neben der Verringerung der Arbeitslosigkeit fällt Toleranz als Schlagwort. Auf der Wunschliste stehen Offenheit gegenüber dem Neuen und dem Fremden, die sich in einer ausländer- und homosexuellenfreundlichen Politik niederschlägt. Das wünscht sich der 18 Jahre alte Robert.
Die „Bevorzugung bestimmter Bevölkerungsgruppen“ macht Anne wütend. „Der ideale Politiker kümmert sich nicht nur um die mit viel Geld.“ Die 17-Jährige spuckt ihre Forderung wie einen graugekauten Kaugummi auf die Straße. Dem Gedankenspiel viel Zeit zu widmen, kommt ihr wie Verschwendung vor. Längst hat sie aufgehört, an den perfekten Staatsmann u glauben.
Auf eine einzige Charaktereigenschaft schraubt Franz seine Erwartungen an den idealen Politiker zurück. Er wolle nur nicht hinters Licht geführt werden. „Ein perfekter Volksvertreter soll halten, was er verspricht“, sagt der 16-Jährige. Nur keine leeren Versprechungen. Und ein bisschen mehr Geld für die Bildung müsse drin sein. „Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?“
Stadtzeitung Bad Nauheim Nr. 560 vom 23.08.2002
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