Die
Mannheimer Versicherung steht vor der Insolvenz – Kann Protektor die
Lebensversicherungspolicen wirklich auffangen? Staatliche
Zwangsverwalter bei der WestLB?
Die Rettung der Mannheimer Versicherung ist endgültig gescheitert!
Um
die Insolvenz der in völlige Schieflage geratenen Mannheimer
Versicherungsgruppe zu vermeiden, trafen sich Mitte Juni 2003 die
führenden Vertreter der deutschen Lebensversicherungen in Frankfurt am
Main. Im Mittelpunkt der vertraulichen Gespräche stand das Thema, wie die Stützungsaktion
für die Mannheimer Versicherung zu organisieren wäre. Das Ergebnis der
Krisensitzung: Deutschlands Lebensversicherer wollten noch vor zwei
Wochen mit frischem Kapital in die Bresche springen, um eine Insolvenz
der Mannheimer Versicherungsgruppe zu vermeiden, die für Deutschlands
Lebensversicherungen einen Dominoeffekt auslösen könnte. Das für den
Neubeginn der Mannheimer Versicherungsgruppe erforderliche Kapital –
sog. „Solvabilitätsmittel“ - hatte die BaFin (Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht) auf € 373 Mio. festgelegt.
Die Taktik der deutschen Versicherungswirtschaft: Erst einmal eine trügerische Ruhe vorspiegeln
Die
offiziellen Presseverlautbarungen der deutschen Lebensversicherungen
noch vor zwei Wochen, besagten, man sei deshalb mit frischem Kapital
eingesprungen, damit die Mannheimer Versicherungsgruppe nicht der erste
Fall für die Auffanggesellschaft „Protektor“ würde. Protektor sei
geschaffen worden, um Lebensversicherungskunden zumindest die
Garantiesummen auszahlen zu können, wenn einzelne
Lebensversicherungsgesellschaften insolvent würden. Ohne die
Einschaltung von „Protektor“ könnten die
Lebensversicherungsgesellschaften, so deren Aussage, die finanziellen
Lasten aus der Schieflage der Mannheimer Versicherungsgruppe besser
tragen. Diese Begründung trifft jedoch nicht zu. Eine Überantwortung
der Mannheimer Versicherungsgruppe an „Protektor“ hätte unabschätzbare
negative Signalwirkung und könnte den deutschen Lebensversicherungen
insbesondere das dringend erforderliche Neugeschäft abgraben. Doch
jetzt ist es noch viel schlimmer gekommen: Die versicherungsinterne
Lösung ist gescheitert. Jetzt muss Protektor doch eingreifen; aber Protektor
gibt es noch gar nicht. Es handelt sich um eine Fata Morgana, erzeugt
in den Medien und dazu bestimmt, den Anschein der heilen Welt weiter
aufrechtzuerhalten.
Die Verluste aus Wertpapiergeschäften von bis zu 100 Milliarden Euro sind immer noch nicht abgeschrieben
Die
gesamte Lebensversicherungsbranche leidet heute noch an unterlassenen
Abschreibungen auf Wertpapiere in deren Bilanzen (sog. stille Lasten),
die Fachleute zwischen € 20 Mrd. und € 100 Mrd. schätzen. Bei der
Mannheimer Versicherungsgruppe belaufen sich die sog. stillen Lasten
(durch Bilanzmanipulationen noch nicht aufgedeckten Verluste) auf
angeblich € 238 Mio. Wie brüchig das angeblich tragfähige
Anlagevermögen der deutschen Lebensversicherer aber insgesamt ist,
zeigte die Pressemeldung vom 26.06.2003: Die Rettung der Mannheimer
scheiterte in letzter Sekunde. Der Grund dafür ist ganz einfach. Es
fehlte das versprochene frische Kapital.
110 Vorstände deutscher und ausländischer Lebensversicherungsgesellschaften versagen bei der Lösung des Problems
110
Vorstände von deutschen und ausländischen Lebensversicherungen hatten
am Frankfurter Flughafen ohne Erfolg konferiert. Eine
Rettungsaktion hätten nach den Statuten des GDV – Gesamtverbandes der
deutschen Versicherungswirtschaft – 90 % der Lebensversicherer
zustimmen müssen. Diese Zustimmungsquoten kam jedoch nicht zustande.
Ausländische Versicherungsgesellschaften stimmten gegen
den Rettungsplan, weil sie auf dem deutschen Markt andere Interessen
und Ziele verfolgen als die einheimischen Versicherungen. Die deutschen
Lebensversicherer hatten dem deutschen Publikum allzu lange suggeriert,
dass gerade deutsche Lebensversicherungspolicen besonders
sicher und gegen Wertverlust gefeit seien. Die ausländischen
Konkurrenten
sehen die Schwierigkeiten des 125 Jahre alten Traditionsunternehmens
„Mannheimer Versicherung“ nicht ohne eigennützige Hoffnungen; der
Wettbewerbsvorteil der deutschen Konkurrenten ist dahin. Sinken
deutsche Lebensversicherungen in den Augen deutscher
Versicherungskunden bei der Bewertung der Sicherheit gegen Wertverlust
und Insolvenz, haben europäische Mitbewerber – u.a. die Schweizer
Lebensversicherungen – bessere Chancen.
Jetzt muss wohl ein Sonderbeauftragter für die Sanierung der Mannheimer Versicherung durch die BaFin bestellt werden
Nach
dem VAG (Versicherungsaufsichtsgesetz) und den hierzu erlassenen
Ausführungsbestimmungen muss jetzt ein Sonderbeauftragter durch die
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bestellt
werden, um die Sanierung des Versicherungskonzerns einzuleiten. Die
Lebensversicherungsverträge sollen dann über die Protektor, die
Auffanggesellschaft der Lebensversicherungsbranche, bedient werden. Die
Mannheimer Versicherung ginge dann voraussichtlich in die Insolvenz.
Besorgnis erregend ist nur, dass diejenigen Sachverhalte, die zu der
Illiquidität der Mannheimer Versicherung geführt haben, gerade keinen
Sonderfall darstellen. Die Verluste aus riskanten Wertpapier- und
Aktiengeschäften gibt es auch bei anderen Lebensversicherungen. Die
BaFin hat zwar in den sog. Stresstests geprobt, wie Deutschlands
Lebensversicherungen auf einen weiteren Aktiencrash reagieren würden.
Aber wer hat die finanzielle Widerstandskraft von Protektor
ausgetestet? Wenn sich solche Fälle wie bei der Mannheimer
Versicherungsgruppe (dort sind 342.000 Lebensversicherungskunden
betroffen) häufen sollten; wo liegt die Schmerzgrenze, an der auch
Protektor finanziell in die Knie gehen muss? Auf diese Fragen gibt es
bislang keine Antwort.
Schon
vor drei Jahren hatte ich gewarnt: Aktien sind keine Altersversorgung.
Wie lange wird es noch dauern und wann werden die Vorstände der
„Deutschland AG“ und die Bundesregierung endlich den seit lange
geforderten Maßnahmekatalog verabschieden, um Deutschlands
Volkswirtschaft wieder auf eine gesunde Basis zu stellen? Oder wird es
künftig heißen: Vorsicht Lebensversicherungspolicen, als Altersvorsorge
nicht geeignet?
Es
kommt noch schlimmer: Protektor ist nicht arbeitsfähig:
Deutschlands
Lebensversicherer: Eine Trapeznummer mit viel zu dünnem Netz
Was die Lebensversicherungsbranche verschweigt, ist folgendes: Protektor ist noch gar nicht einsatzfähig.
Das sind die fünf grausamen Lügen und Falschmeldungen zur Sicherheit der deutschen Lebensversicherungspolicen:
1. Protektor ist als Gesellschaft noch nicht in das Handelsregister
eingetragen worden. Warum nur? Weil das Kapital für die Eintragung noch
nicht zustandegekommen ist? Diese Erklärung ist am wahrscheinlichsten. Denn an sog. „organisatorischen Probleme“ kann wirklich niemand mehr glauben.
2. Mit
dem Scheitern der Mannheimer Versicherung steht auch die Zukunft von Protektor auf dem Spiel. Die Finanzierung der
Auffanggesellschaft ist nicht gesichert. Was soll also eine Feuerwehr
für eine Löschleistung erbringen, Wenn die Teile zum Feuerwehrauto
noch in Kisten verpackt sind und der Löschschaum erst noch abgefüllt
werden muss? In Zeiten der weltweiten Kapitalverknappung stößt die Solidarität der deutschen Lebensversicherer an ihre Grenzen
3. Angeblich
haben erst 70 bis 75 % der deutschen Lebensversicherer die sog.
„Nachschussverpflichtung“ unterschrieben, die die finanzielle Basis für
Protektor bildet. Das heißt aber: Echtes Geld hat noch niemand
eingezahlt. Und auch die 70 bis 75 % derjenigen
Lebensversicherungsgesellschaften, die sich zu der
Nachschussverpflichtung bekannt haben, könnten immer noch aus
juristischen Gründen zurücktreten, wenn die erforderlichen Quoten nicht
zustande kommen. Also ein Fall vorgetäuschter Solidarität. In
Wirklichkeit ist auch jedem deutschen Lebensversicherer inzwischen die Jacke
näher als die Hose.
Geheimsatzung
von Protektor: Das Volk darf gar nicht wissen, was die Mächtigen aus
der Banken- und Versicherungslandschaft mit unseren Policen schon heute
alles planen
4. Die
international tätige Ratingagentur Fitch, die sich mit der Solvenz und
der Solvabilität der Lebensversicherer im Detail beschäftigt, hat
herausgefunden: Eine Marge von 1 % des eigenen Anlagevermögens,
die jede der Lebensversicherungsgesellschaften in die
„Brandschutzkasse“ einzahlen sollte, steht bei vielen der
Lebensversicherer nicht mehr als bares Geld zur Verfügung, so knapp
ist das Geld geworden. Viele Lebensversicherungen müssten sich an
Kundengeldern vergreifen, um in die gemeinsame Kasse von Protektor
einzahlen zu können und würden dann möglicher weise selbst zu Rettungskandidaten für Protektor; also ein Teufelskreis. Mit dem Vertuschen der Probleme hat es jetzt ein Ende
5. Die
deutsche Versicherungswirtschaft und die deutsche Bundesregierung
müssen endlich damit aufhören, den Bürger im wahrsten Sinne des Wortes
für dumm zu verkaufen. Da sollen die Bürger die Verschwendungssucht der
Politikerkaste in Deutschland dadurch auffangen, dass neben den
Beiträgen zur gesetzlichen Rentenversicherung, die zwangsweise erhoben
werden, freiwillig eine lebensversicherungsgestützte
Zusatzversorgung, die sog. „Riesterrente“, eingezahlt wird, um dann
zwei Stützkrücken für das Alter zu haben, an denen schon der Holzwurm nagt.
Die
Besorgnis um das viel gepriesene deutsche
Lebensversicherungssystem wird immer größer. Das Systm scheint doch nur eine besonders hochwertige
Form eines Schneeballssystems zu sein.
Die
deutsche Volksseele ist gemütlich und vertrauensselig. Redewendungen
wie „so sicher wie eine Bank“, gibt es anscheinend nur in Deutschland.
Und auch auf die Lebensversicherungen ließen die deutschen Bundesbürger
bislang nichts kommen.
Sicherlich viel zu teuer, zu hohe Prämien, und erst die exorbitant
hohen Provisionen, aber illiquide oder gar insolvent? Niemals, denn
ganze
Stäbe von Beamten im Bundesaufsichtsamt wachen über alles. Das war die
Vorstellung; doch das ist ein Märchen. Im Himmel ist Jahrmarkt und das
Bundesaufsichtsamt verwaltet, wie jede gute Behörde in Deutschland,
zunächst einmal sich selbst, und dann? Wird erst einmal der Fall
beobachtet und begutachtet, bis es zu spät ist. Wie bei der Mannheimer
Versicherung.
Das Versagen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht begann bei der stillschweigenden Duldung des Neuen Marktes
Die
Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hätte schon vor vielen
Jahren – damals noch als Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen
– in Zusammenarbeit mit dem damaligen Bundesaufsichtsamt für das
Kreditwesen und dem Bundesamt für Wertpapierhandel die meisten
Emissionen am Neuen Markt komplett verbieten müssen – überwiegend
großbetrügerische Schneeballsysteme. Es hätte eine Schwarze Liste mit
denjenigen Wertpapieren erstellt werden müssen, die für
Lebensversicherungen verboten sind. Bei der Aufnahme von Aktien in
diese Schwarze Liste hätte die Bundesaufsicht nicht zimperlich sein
dürfen: T-Aktie, Heyde u.a.: NEIN DANKE. Auch die Bundesaufsicht –
Abteilung Banken und Wertpapiere – hätte mit harten Bandagen
durchgreifen müssen. Aber die politischen Vorgaben aus der
Bundesregierung lauteten anders: alles dulden, alles gewähren lassen.
Jetzt zahlen in Deutschland drei Generationen die Zeche dafür:
Die
Junge Generation mit stark verminderten Zukunftschancen, die Menschen im
Arbeitsprozess mit der traurigen Aussicht auf eine Minimalrente trotz
höchster Beiträge und die Rentner mit dem Risiko der Abstufung ihrer
Renten.
Die Reaktion der Bundesregierung: Aus drei Bundesbehörden im Dornröschenschlaf wird eine Superbehörde im Dauerkoma.
Hans
Eichel klopfte sich auf die Schulter. Gut gemacht. Hans, mag er zu sich
selbst gesagt haben, jetzt haben wir die gesamte behördliche Aufsicht
über das gesamte Finanzwesen unter dem Dach einer neu kreierten
Superbehörde. In den letzten vierzig Jahren gab es keinen einzigen
spektakulären Fall, in dem die drei Bundesaufsichtsbehörden – Banken –
Versicherungen – Wertpapierhandel – rühmlich in Erscheinung getreten
wären. Aus diesen Bausteinen kann keine Superbehörde entstehen.
Deutschland hat Superminister, Superbehörden und vielleicht gerade
deshalb die Superinsolvenzwelle und die Superkapitalvernichtung. Jetzt
kommen die Sanierungsfälle in der Lebensversicherungsbranche noch
hinzu. Der Reigen beginnt mit der Mannheimer Versicherung. Welche
Lebensversicherung ist die nächste?
Eskalation auch bei der WestLB: Die Finanzskandale in Deutschland reißen nicht ab
Wer
glauben wollte, das die Reihe der Finanzskandale in Deutschland damit
zu Ende sei, der irrt. Der nächste Irrwitz in noch gewaltigerer Dimension
zeichnet sich bei der WestLB ab: Wegen misslungener Spekulationsgeschäfte rechnet die Bank mit einem
Verlust in der Bilanz 2002 von 1,7 Milliarden Euro. Erstmals hat die
BaFin bei einer Landesbank die fachliche Eignung und Zuverlässigkeit
der Vorstände ausdrücklich gerügt und die Politik aufgefordert,
Versager-Vorstände umgehend auszutauschen. Wenn die WestLB die Vorgänge
nicht bald unter Kontrolle bringen kann, wird die Bundesanstalt dort
wohl eine Art staatlichen Zwangsverwalter einsetzen. Auch dieses
Beispiel zeigt, dass wir eine Bürgerwehr gegen die
Kapitalvernichtung bei Banken und Versicherungen brauchen. Die verschiedenen
Töpfe des deutschen Volksvermögens (Sparbriefe, Lebensversicherungen,
Aktien) dürfen nicht länger einer kleinen Kaste von Vorständen
überantwortet bleiben, die in Wirklichkeit keiner öffentlichen
Kontrolle unterliegen und keinerlei persönliche Verantwortung für die
Milliardenschäden tragen, die letztlich der Bürger über Arbeitslosigkeit,
Vermögensverlust und geraubte Zukunftsaussichten ausbaden muss.
Erschienen in der Sz BN am 04.07.2003 |