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Vernachlässigt die Stadt ihre soziale Verantwortung beim Jugendsport?
Bad Nauheim - die
Sportstadt. Derzeit trifft dieser viel gepriesene Werbeslogan der
Vergangenheit nur bedingt zu. Der EC Bad Nauheim ist mit seiner 1.
Mannschaft in dieser Saison wohl nicht mehr das absolute
Aushängeschild. Die Fußballer des SV 06 Bad Nauheim, der SGO und die
Vereine der Stadtteile spielen im Rahmen ihrer Möglichkeiten schon seit
Jahren in den unteren Ligen. Im Eishockey und Fußball regiert Geld die
Welt, wer’s bekommt hat Erfolg, wer nicht, spielt meist vor leeren
Rängen. Der Zuschauer hat die Beziehung zum Amateursport verloren, er
will Action, Erfolge, will sich im Licht der Stars sonnen. Proficlubs
sind keine Vereine mehr, sondern Wirtschaftsunternehmen, meist in den
Großstädten angesiedelt. Der Sport „auf dem Land“ bleibt auf der
Strecke, wenn nicht örtliche Sponsoren mit viel Idealismus die Vereine
unterstützen. Selbst die Jugendarbeit kommt ohne private Gelder kaum
aus. In erster Linie sind es die Eltern, die hier eine vorbildliche
Arbeit leisten. Bringt ein Lokalverein ein Talent heraus, wird es von
finanzkräftigen Clubs mit den tollsten Versprechungen gelockt, der
ausbildende Verein mit einem Trinkgeld für seine jahrelange
Aufbauarbeit abgespeist.
Erfolge in der Bad
Nauheimer Sportwelt gibt es zur Zeit mehr aus den so genannten
Randsportarten oder aus dem Nachwuchsbereich zu vermelden. Hier spielen
wieder die Fußballklubs und der EC Bad Nauheim die entscheidende Rolle.
Eine Unterstützung der Stadt wird jedoch auf ein Minimum begrenzt. Man
beschwert sich dort, dass im wunderschönen Waldstadion
„Bezirksliga-Kicker“ hinter dem Ball herlaufen, vergisst allerdings,
dass im Nachwuchsbereich Mannschaften wie Eintracht Frankfurt, Kickers
Offenbach und andere hochrangige Teams Sonntag für Sonntag ihr
Stelldichein auf Nauheimer Rasen abgeben und den Platz nicht immer den Platz als
Sieger verlassen.
Man beschwert sich,
dass der EC Bad Nauheim nicht mehr mit den Großen des Eishockeysports
die Kräfte misst. Man vergisst aber, dass Jugend und Junioren seit einiger
Zeit zur Creme de la Creme im deutschen Eishockeysport gehören. Diese
tollen sportlichen Leistungen unserer Jugend erhalten kaum Anerkennung
oder Würdigung in den Amtsstuben des Rathauses. Dieser Spitzensport
findet fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Warum
eigentlich?
Hier begeht die
Politik meiner Meinung nach einen entscheidenden Fehler. Dass man sich
aus seiner sozialen Verantwortung stiehlt, spielt da eher eine
untergeordnete Rolle und dass man den Wirtschaftsfakor Jugendsport
außer acht lässt ebenfalls. Es fehlt aber die nötige Identifikation mit
der Sport treibenden Bad Nauheimer Jugend und das ist weitaus schlimmer.
Es fehlt der Haushaltsposten „Jugendsport/Nachwuchsarbeit“. Ähnlich dem
Engagement bei der Musikschule, wo man richtiger Weise bei auftauchenden
Schwierigkeiten sofort mit Rat und Tat aus dem Kulturhaushalt Gewehr
bei Fuß steht, sollte es bei unseren Sport treibenden Kindern sein. Der
Nachwuchsförderung sollte im sportlichen Bereich der gleiche
Stellenwert zugemessen werden wie im kulturellen.
Das schulische Defizit
in Sachen Sport haben seit Jahren ohnehin die Vereine ausgeglichen, ohne
dafür von der öffentlichen Hand auch nur eine müde Mark zu erhalten.
Es ist mir durchaus
klar, dass wir nicht ein Volk von Beckenbauers, Völlers, Schmidt oder
Ullrichs sein können. Es ist mir aber auch bewusst, dass bei vielen
Kindern gerade der Sport in jungen Jahren richtungweisend für das
gesamte Leben ist. Der Grundstock wird dafür in den vielen Vereinen
gelegt, auch - oder vielleicht besonders - in Bad Nauheim. Hierzu
sollten die Väter der Stadt endlich stehen und über eine großzügige
Unterstützung der Jugendarbeit unserer Vereine nachdenken.
Wir sind diese
Unterstützung unseren Kindern und Jugendlichen insbesondere aus
gesundheitlichen Gründen schuldig. Die Verantwortlichen sollten nicht
vergessen, dass das Vereinswesen das Zentrum der Gemeinschaft einer
Stadt ist.
Erschienen in der Sz BN am 01.12.2000 |