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Die alte Frau P. ist seit drei Tagen
im Krankenhaus. Sie hat heute den zweiten Morgen nichts gefrühstückt.
Nicht, dass sie keinen Hunger hätte – im Gegenteil. Aber sie bekommt die
Marmeladedöschen nicht geöffnet und den Honig auch nicht.
Und selbst wenn Frau P. die kleinen Portionspäckchen aufmachen könnte,
käme als nächstes unüberwindbares Hindernis das Brötchen, das
auseinander geschnitten werden muss. „Mach das mal mit deinen zittrigen
Händen“, denkt Frau P. Heute muss sie ohnehin hungrig bleiben, weil es
in Plastikfolie eingeschweißtes Brot gibt.
Dass sie trotz gedecktem Tisch nichts
zu essen hat, liegt durchaus nicht an der Bösartigkeit des
Pflegepersonals. Im Gegenteil – Schwester Christine, die zuständige
Schwester für das Frühstück, ist nett und möchte ihre Arbeit gut
machen. Allerdings sieht ihr Einsatzplan nicht vor, dass sie Leuten wie
Frau P. auch einmal ihr Frühstücksbrötchen streicht. Denn Schwester
Christines Arbeitszeit ist knapp kalkuliert.
Vier Minuten Menschlichkeit oder
besondere Fürsorge sind nicht mit eingerechnet. Es reicht gerade einmal,
allen freundlich einen guten Morgen zu wünschen und das
Frühstückstablett vor ihnen aufzubauen. Es wäre schön, wenn Frau P.
endlich eine Zimmernachbarin bekäme, die ihr beim Frühstück behilflich
sein kann. Wie Frau P. und Schwester Christine
geht es vielen Hilfsbedürftigen und Pflegekräften. Dienstleistungen im
Bereich der Pflege und des Gesundheitswesens sind eine Ware geworden,
mit der hart kalkuliert wird. Seit auch hier, in Pflegeheimen und
Krankenhäusern, jeder Handgriff zeitlich erfasst und abgerechnet wird, bleiben Schwestern und Kranke auf der Strecke.
Die Folgen sind offensichtlich. Hilfs-
und pflegebedürftige Menschen werden nur noch eingeschränkt
wahrgenommen, zum Beispiel als „Hüft-OP von Nummer 2“. Dass diese
„Hüft-OP von Nummer 2“ eine alte Frau mit zittrigen Händen ist und
deshalb ihr Frühstück zubereitet bekommen muss, so weit wird nicht
gedacht. Auf der anderen Seite ist das Pflegepersonal, Pfleger,
Pflegerinnen und Schwestern im ständigen Dauerstress, weil in vielen
Krankenhäusern und Einrichtungen wegen finanziellen Einsparungen Personalknappheit herrscht. Außerdem
bekommen die Pflegekräfte weder die entsprechende Anerkennung für ihre
schwere und belastende Aufgabe, noch erhalten sie einen Lohn, der
dieser Tätigkeit entspricht. Darüber hinaus wandelt sich eine bislang
anerkannte Grundüberzeugung in Bezug auf die Pflege von Bedürftigen.
Die Not einer hilfsbedürftigen Person wahrzunehmen und entsprechend zu
handeln, dies ist immer oberster Grundsatz gewesen und müsste es auch
weiterhin bleiben.
Wahrnehmen und Handeln; dieser
Grundsatz wird heute, durch ein sehr mechanistisches
Verständnis verdrängt: Der hilfsbedürftige oder kranke Mensch hat ein Defizit,
ein lockeres Schräubchen, das per Operation oder Therapie wieder
angezogen und funktionstüchtig gemacht wird. Das Prinzip von Wahrnehmen
und Handeln wird auch verdrängt durch ein gewinnorientiertes Denken,
das davon ausgeht, dass der Profit umso
größer ist, je mehr Leute gepflegt werden.
Kein Wunder, dass die Qualität der
Pflege leidet, kein Wunder auch, dass von Pflegekräften und
Hilfsbedürftigen gleichermaßen ein Verlust an Menschlichkeit beklagt
wird. Die Verwirtschaftlichung des Pflegebereichs hat auch die Kirchen
unter massiven Druck gesetzt. Plötzlich sind sie dem Konkurrenzkampf
mit Privatunternehmen ausgesetzt. Es ist doch seit jeher ein
Qualitätsmerkmal gewesen, dass die Würde des Menschen, insbesondere der
Kranken und
Hilfsbedürftigen insbesondere in kirchlichen Einrichtungen geachtet und
respektiert wird. Die individuelle Bedürftigkeit zählt und nicht die
Zahl der Patienten, für die Geld bezahlt wird. Wie viel ist diese Würde
wert?
Menschenwürdige Pflege ist nicht
billig. Deshalb wird in kirchlichen Pflegeeinrichtungen offen über Geld
geredet. Geld, das eingesetzt werden muss für Aus- und Fortbildung von
Pflegekräften, für Arbeitsplätze, die notwendig sind zur umfassenden
Versorgung von bedürftigen Menschen. Kirchen übernehmen dabei in
mehrfacher Hinsicht eine Lobbyfunktion. Sie streiten für die Würde des
Menschen und protestieren gegen eine Einstellung, die aus Krankheit
einen Markt macht. Sie treten ein für die Bedürftigen und ihre
Interessen, notfalls auch gegen Wirtschaftlichkeitsgrundsätze, die
dafür sorgen, dass Frau P. beim Frühstück immer leer ausgeht. Die
Kirchen sind auch Anwältinnen der Pflegekräfte. Pflegefehler, Mobbing
und Ausgebranntsein am Arbeitsplatz sind Folgen von zu hoher
Arbeitsbelastungen. All dies könnte durch entsprechenden
Personaleinsatz
vermieden werden.
Frau P. hat jetzt übrigens eine Lösung
für ihr Problem gefunden. Sie hat sich ein Telefon ans Bett legen
lassen und gleich ihre Tochter angerufen. Die kommt sie nun morgens
besuchen und richtet ihr das Frühstück.
Erschienen in der Sz BN am 03.08.2001 |