Der Wettkampf um die EURONEXT scheint entschieden. Die Übereinkunft zwischen der New York Stock Exchange (NYSE) und der Vierländerbörse EURONEXT wird die erste transatlantische und zugleich die größte Börse der Welt schaffen.
Die Franzosen sind bekannt für ihre Abneigung gegen die Amerikaner. Trotzdem bandelte der französische „Wirtschaftskrieger“ und EURONEXT Chef Jean-François Théodore mit New York an. Er hatte keine Lust auf eine „Europäische Liaison“ mit der deutschen Börse, obschon er den Sinn und die wirtschaftliche Logik der Verbindung von EURONEXT und der Deutsche Börse AG nie wirklich abstreiten konnte.
Frankreich schlägt neues Kapitel im Wirtschaftskrieg auf! Wo bleiben die europäischen Interessen?
Dass Frankreich das vereinte Europa hauptsächlich zur Stärkung seiner eigenen Position nutzen will und französischer Wirtschaftspatriotismus nicht zwingend mit europäischen Interessen übereinstimmt, ist nichts Neues. Der Pharma-Konzern Sanofi-Aventis und das Führungsgerangel beim Flugzeugbauer EADS sind schließlich Beleg genug für die lediglich auf Eigennutz ausgerichtete französische Wirtschaftspolitik.
Neu ist, dass Frankreich sogar dann gegen die europäische Freundschaft optiert, wenn es, wie im Fall der EURONEXT, nichts zu gewinnen gibt. Nach dem Willen der Regierung musste der Börsenplatz Paris vor dem Frankfurter Hauptquartier und seinem überlegenen Börsensystem geschützt werden. Ein Zusammengehen mit den Deutschen wurde mit aller Macht verhindert. Fadenscheinige Argumente wie die Unvereinbarkeit der Geschäftsmodelle mussten als Ausrede für mangelnden Verhandlungswillen herhalten. Am Ende des Börsenpokers zeigt die „Grand Nation“ ihr wahres Gesicht. Ohne Rücksicht auf die Interessen Europas lässt sie lieber die Amerikaner erstarken, als einen möglichen deutschen Partner - als im Einzelfall überlegen - zu akzeptieren.
Zweifel bleiben bestehen
Über die Rolle Frankreichs, als Hilfstruppe im Verbund NYSE EURONEXT, kann auch nicht die symbolträchtige Fusionsankündigung in der Pariser Börse hinwegtäuschen. Sie diente mehr der Befriedigung französischer Eitelkeit, als dass sie Ausdruck der realen Machtverteilung in der „Traumehe“ war. Bei einem Zusammenschluss auf europäischer Ebene wären, dem europäischen Gedanken folgend, derartige Sperenzchen nicht nötig gewesen. Der Respekt gegenüber Frankreich hätte sich von allein ergeben.
Welchen Stellenwert hat die gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik in den Mitgliedstaaten?
Für die chronisch unterfinanzierten Volkswirtschaften Europas, wäre die Schaffung eines gemeinsamen Finanzmarktes wichtig und nützlich gewesen. Ernüchterung ist bei denjenigen eingekehrt, die glaubten, Europa sei mehr als ein Zweckbündnis im Gewand eines föderativen Staatenverbundes. Hat Frau Merkel begriffen, dass dieser föderative Staatenverbund, wie von Frankreich vorgelebt, so nicht handlungsfähig ist? Im künftigen Eu-Vorsitz wird jedenfalls der Stellenwert europäischer Wirtschaftspolitik im Verhältnis der nationalen Interessen zu klären sein. Die Alleingänge Frankreichs sind völlig inakzeptabel und lassen ein abgestimmtes, an gemeinsamen Zielen orientiertes Handeln nicht zu. Im globalen Wirtschaftskrieg zeigt sich Europa einmal mehr als „kranker Mann“. Ans Bett gefesselt muss er sein Schicksal abnicken.
Die Rede vom Ende des Finanzplatzes Frankfurt
Die vermeintliche Verliererrolle der Frankfurter Börse und das Ende des Finanzplatzes Frankfurt sind in diesen Tagen hundertfach herbeigeschrieben worden. Nichts desto trotz steht die Deutsche Börse wirtschaftlich blendend da.
Keine andere Börse, auch nicht die New York Stock Exchange (NYSE), verdient besser als die Frankfurter. Zusammen erzielten EURONEXT und NYSE lediglich ein operatives Ergebnis von 370 Mio. Euro. Im Vergleich dazu war das Ergebnis der Deutschen Börse mit 711 Mio. Euro fast doppelt so hoch. Das Geschäftsmodell der Deutsche Börse AG (Silo-Modell) ist äußerst lukrativ: Eine Order bleibt - angefangen vom Handel, über die Verrechnung und die Abwicklung, bis hin zur Verwahrung der Wertpapiere - in den Systemen der Frankfurter Börse. Im Gegensatz zum neuen Konkurrenten NSYE EURONEXT verdienen die Frankfurter entlang des gesamten Transaktionsprozesses. In diesem Zusammenhang - und um bei der französischen Rhetorik zu bleiben - muss erwähnt werden, dass die Deutsche Börse AG sehr wohl ihre Clearinggesellschaft hätte aufgeben können. Die als Vorwand gebrauchten Wettbewerbsbedenken Frankreichs waren nicht mehr als eine Farce.
Gelingt es NYSE EURONEXT, neues Geschäft anzulocken?
Paris und New York müssen nach der Fusion beweisen, ob sie die mit den versprochenen Synergien verbundenen Kostenvorteile realisieren können. Ob sich der Zehn-Milliarden-Dollar-Deal am Ende rechnet hängt am Ende nur davon ab, in welchem Umfang es der NYSE EURONEXT gelingen wird, neues Geschäft anzulocken. Den Beweis für das oft zitierte Gesetz von der Anziehungskraft der großen Masse muss die Transatlantikbörse noch erbringen. Es bestehen berechtigte Zweifel, ob sich Unternehmen bei der Kapitalaufnahme und Investoren im Aktienhandel im großen Stil zur neuen Megabörse hin umorientieren werden.
Studien des Deutschen Aktieninstituts belegen, dass der Deutsche Börsenplatz sich zumindest was das die neue Superbörse anbelangt - nicht fürchten muss. Kurz- und mittelfristig wird Frankfurt voraussichtlich keine nennenswerten Marktanteile an das Bündnis NYSE EURONEXT verlieren. Bisher haben jedenfalls die deutschen Unternehmen trotz der riesigen Liquidität jenseits des Atlantiks an der Wall Street keine nennenswerten Umsätze erzielen können. Beteiligungen an Lufthansa, BASF usw. werden traditionell in Frankfurt gehandelt.
Die NYSE muss ihrerseits wieder den Anschluss an den Markt für Börsengänge finden. Das Geschäft war in den vergangenen Jahren aus den USA abgewandert (vgl. Artikel „Traum der deutschen Hochfinanz geplatzt“).
Chancen der Deutsche Börse in wachsenden Märkten Asiens und der arabischen Welt
Die westlichen Finanzmärkte werden angesichts der wirtschaftlichen Erfolge in Asien und im Arabischen Raum, an Bedeutung verlieren. Der Blick der Frankfurter Börse muss sich deshalb nach außerhalb auf die in der Entwicklung befindlichen Märkte jenseits von Europa und den USA richten. Asiatische und arabische Unternehmen, ebenso wie die dortigen privaten Vermögen, wachsen rasend schnell und drängen an die Börse. Hongkong, Shanghai oder Dubai sind deshalb geeignete Kandidaten für zukunftsträchtige Zusammenschlüsse und Kooperationen mit der Deutschen Börse.
Früher flossen die enormen Ölgewinne der Staaten am Persischen Golf in die ausländischen Kapitalmärkte. Heute investieren arabische Anleger auch wegen der strikten US-Auflagen für den Kapitalverkehr verstärkt in die Heimatregion. Mehr noch, sie ziehen ausländisches Kapital nach und sorgen so für eine bisher nicht gekannte Kapitalzentralisierung im arabischen Raum. Allein im Jahr 2005 strömten mehr als 510 Mrd. Euro in die arabischen Aktienmärkte, und dort vorzugsweise an die Börsen der Golfstaaten. Auch in Indien und China wird das Kapital aus dem Wirtschaftsboom repatriiert und in die jeweilige Volkswirtschaft reinvestiert.
Beispiel Dubai International Financial Exchange (DIFX):
Der aufstrebende Börsenplatz Dubai füllt, in zentraler Lage am Persischen Golf gelegen, die Lücke zwischen den bestehenden Finanzplätzen von Europa, Asien und den USA. Die in Dubai gelistete EMAAR Properties of Dubai ist, der weltgrößte börsennotierte Immobilienentwickler und zugleich Shootingstar der internationalen Immobilienindustrie. Derzeit noch angetrieben vom Bauboom in den Vereinigten Arabischen Emiraten, streckt EMAAR vorsorglich die Fühler in die Boomregionen der kommenden Jahrzehnte aus. Die Erbauer des höchsten Wolkenkratzers der Welt (Burj Dubai) und des weltgrößten Einkaufszentrums (Dubai Mall) realisieren heute schon Projekte im größeren Stil in Indien, China und weiteren expandierenden Standorten weltweit.
Beispiel Hongkong Stock Exchange (HKSE):
Der seit sechs Jahren größte Börsengang der Welt, spülte jüngst fast zehn Milliarden Dollar in die Kassen der Bank of China (BOC). Hunderte weiterer chinesischer Unternehmen werden in Zukunft um Investitionen des globalen Kapitals werben und das KnowHow und die Erfahrung der Deutschen Börse nachfragen, wenn sie diese anbietet.
Wachstum bestimmt Marschrichtung der Börsenbetreiber
Unabhängig von den aktuellen Rückschlägen und Marktbereinigungen an den Börsen in Indien und Dubai wird die Präsenz in Asien und den arabischen Staaten - nicht nur für das Wachstum der Börsenbetreiber - immer wichtiger; noch wichtiger, als einen Handelspartner in den USA zu haben.
Mit der Deutsche Börse-Tochter EUREX haben die Frankfurter i. ü. noch einen echten Trumpf in der Hinterhand. Die reine Terminbörse ist mit Abstand Weltmarktführer, wenn es um die milliardenschweren Finanzwetten auf Dax, Daimler usw. geht. Hinzu kommt, dass dieses Kapitalmarktsegment am schnellsten wächst.
Überlegungen, dieses Marktsegment weiterzuentwickeln, drängen sich zwangsläufig auf. Beispielsweise entstünde durch den Zusammenschluss der EUREX mit der Chicago Mercantile Exchange (CME) ein Terminmarkt von unvergleichlicher Stärke. Der Wettbewerber NYSE EURONEXT hätte dem ebenso wie das Duo NASDAQ LSE nichts entgegenzusetzen. Wir sind gespannt.
NYSE kann auf EURONEXT nicht verzichten
Die gute Positionierung der EURONEXT im elektronischen Derivatehandel, war mit entscheidend für den Einstieg der New Yorker Leitbörse. Im Paket erhält die NYSE für kleines Geld und quasi als Mitgift den Londoner Terminmarkt Euronext LIFFE dazu. Erst durch diese Ergänzung des eigenen Angebots kann sich die NYSE überhaupt dem Wettbewerb mit der New Yorker Konkurrenzbörse NASDAQ auf gleicher Augenhöhe stellen.
Schlagwortkette zur angekündigten Börsenfusion NYSE EURONEXT:
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